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09. 09. 2015
 
Erst Behindertenwerkstatt, dann myonic-Kantine

Rebecca Langer von der Liebenau Service GmbH, Beate Kraus, Danja Gründler von der Liebenau Arbeitswelten, Wolfgang Scheel und Astrid Gemeiner, Personalleiterin myonic (von links), freuen sich über den geglückten Versuch der betriebsintegrierten Arbeitsplätze.

Beate Kraus und Wolfgang Scheel arbeiten als Spülhilfe im Unternehmen mit – trotz geistiger Behinderung

LEUTKIRCH - Wolfgang Scheel zeigt stolz auf seine Arbeitskleidung. „Hier liegen T-Shirt, Schürze und Mütze bereit“, sagt er. Nebenan stehen Arbeitsschuhe. „Die sind Pflicht“, fährt der 48-Jährige fort. Scheel arbeitet bei myonic. In der Kantine. Als Spülhilfe. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt er. Vor allem die Anerkennung und die Wertschätzung seiner Arbeit seien es, die ihn glücklich machten. Scheel lebt mit einer geistigen Behinderung. Seit April hat er den betriebsintegrierten Arbeitsplatz.

Ermöglicht wurde ihm diese Aufgabe von der Stiftung Liebenau. Als Sechsjähriger kam Scheel von Bad Cannstatt ins Heim der Stiftung in Liebenau. „Meine Eltern waren alkoholkrank“, erzählt er. Er ging in Tettnang auf die Realschule und arbeitete dann in mehreren Bereichen der Behindertenwerkstätten mit. „Ich war in der Gemüseküche, der Bäckerei, der Reinigung, der Holzverarbeitung und der Wäscherei“, erinnert sich der 48-Jährige. Als er etwa 30 Jahre alt war, zog er ins Haus St. Katharina nach Leutkirch um. Danach in eine Wohngruppe in der Gerbergasse, dann in die Nadlerstraße. Dort lebt er heute noch – in einer Gemeinschaft mit fünf Heimbewohnern. Nach seiner Ankunft in Leutkirch arbeitete Scheel in Bad Wurzach in der Behindertenwerkstatt mit. Weil er gerne Kellnern wollte, wechselte er in die Gastronomie.
„Da habe ich aber schlechte Erfahrungen gemacht“, fährt Scheel fort. Deshalb kam er in die Behindertenwerkstatt nach Leutkirch zurück.

Als die Liste mit der Stellenausschreibung als Spülkraft dort ausgehängt wurde, habe er sich sofort dort eingetragen, sagt Scheel. „Ich war froh, mal rauszukommen und etwas anderes sehen zu können“, sagt er.
Neben Scheel bewarben sich drei weitere für den Job. Eine davon war Beate Kraus. Sie hat das Downsyndrom. „Ich bin in Wangen geboren und in Amtzell aufgewachsen“, erzählt die 42-Jährige.
Irgendwann habe es Probleme mit den Eltern gegeben. Als Jugendliche kam sie ebenfalls ins Heim nach Liebenau. Dort lernte sie Wolfgang Scheel kennen. Heute leben beide in derselben Wohngemeinschaft – und teilen sich den Arbeitsplatz. Denn, nachdem ein anderer Bewerber wieder abgesprungen und der vierte nicht geeignet dafür war, absolvierten Scheel und Kraus ein sechswöchiges Praktikum in der myonic-Kantine – mit Erfolg.

„Es gab nur eine Stelle“, erzählt Danja Gründler. Sie ist Jobcoach bei den Liebenauer Arbeitswelten. „Deshalb wechseln sich nun beide wöchentlich ab“, fährt sie fort. Angestellt sind Scheel und Kraus bei der Liebenau Service GmbH. Sie betreibt und beliefert seit 1. Mai 2014 die Kantine bei myonic. „Weil es über ein Praktikum lief, war das für uns wie eine Testphase“, sagt myonic-Personalleiterin Astrid Gemeiner. Alles habe sehr gut funktioniert. „Für uns als Unternehmen ist es wichtig, dass die Abläufe rund um die Verpflegung unserer Mitarbeiter reibungslos funktionieren. Und das tun sie“, fährt Gemeiner fort. Die Mitarbeiter mit Behinderung seien eine Bereicherung. Das finden auch Ingrid Laumann und Susanne Heitzer. Die beiden Kantinenmitarbeiterinnen sind fest bei der Liebenau Service GmbH angestellt. „Es klappt super mit Wolfgang und Beate. Sie entlasten uns sehr“, sagt Laumann. Jobcoach Danja Gründler kommt in der Regel einmal wöchentlich vorbei, um nach den beiden zu sehen. 25 betriebsintegrierte Arbeitsplätze gibt es im Kreis Ravensburg sowie im Bodenseekreis.

„Die Stiftung Liebenau hat mehrere Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Unser Auftrag ist es, diese Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern.“ Drei Jobcoaches helfen dabei. Weil Beate Kraus anfangs Schwierigkeiten mit der Bedienung der Spülmaschine hatte, fertigte Gründler beispielsweise ein Fotobuch mit Bildern und einfachen Erklärsätzen an. „Da kann ich immer nachschauen, wenn ich Hilfe brauche“, sagt Kraus. Sie lacht. Während des Praktikums sei sie aufgeregt gewesen, erzählt die 42-Jährige. „Die Chance, auf dem freien Arbeitsmarkt zu arbeiten, war ein großer Schritt für sie“, ergänzt Gründler. 32,5 Wochenstunden arbeiten Scheel und Kraus.
Neben dem Spülen stehen Hilfstätigkeiten wie Blumen gießen, Servietten auffüllen, Tische putzen und Durchkehren auf dem Programm. „Es macht mir Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Kraus. Sie betritt die Spülecke, wäscht und desinfiziert ihre Hände und stülpt Gummihandschuhe über.

„Jetzt geht es los“, sagt sie. Nach und nach befüllt sie die Spülmaschine mit dreckigem Geschirr. Gespültes Besteck wird poliert und verräumt. Auch Wolfgang Scheel übernimmt diese Aufgaben während seiner Schicht. Er blickt durch den Kantinenraum und sagt. „Ich rechne myonic sehr hoch an, dass sie uns so gut aufgenommen haben, obwohl wir behindert sind.“ Bisher habe er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil. „Ich habe hier viele Freunde gefunden.“ Berührungsängste gebe es nicht. „Wenn jemand eine Frage hat, kommt er auf uns zu und fragt nach. Das ist schön“, so Scheel. Während er erzählt, geht er auf Gründler und Gemeiner zu. „Ich bin froh, dass ich hier einen Arbeitsplatz bekommen habe, denn hier fühle ich mich wohl“, sagt Scheel.